Freiheit. Abenteuer. Fahrfreude. Spass. – Mit dem Fahrrad auf der Autobahn

#aussteigen Jetzt beginnt die Verkehrswende: Sternfahrt zur IAA

Von Gießen und Königstein kommen die einen, aus Wiesbaden, Darmstadt, Aschaffenburg die anderen – und das sind nur ein paar der Startpunkte. Am frühesten sind die Mannheimer gestartet, laut Plan schon um 5:40 Uhr. Aus allen Richtungen kommen sie. Später wird die Rede von 18.000 oder mehr Radfahrern sein, die sich auf den Weg zur IAA gemacht haben. 

Für uns geht es in Mainz-Kastel los. 

Schon der Weg zum Treffpunkt, über die auch am Samstagmorgen stark befahrene Rhein-Brücke, ist anders als ein üblicher Radausflug. 

Sonne, Wind, blauer Himmel, ein Blick, der sich hier in alle Richtungen den Rhein entlang weitet – was wäre dies für ein paradiesischer Übergang, von einem Ufer zum anderen, denkt man plötzlich. Ohne den Massenverkehr. Ohne das Heer der vorbei rauschenden Autos. Nicht nur ohne die Abgase, ohne den Lärm, sondern auch ohne die Hektik, die sie verbreiten – und die plötzlich spürbarer wird als im Alltag. Weil wir begonnen haben, sie in Frage stellen. 

Kurz darauf sind wir in einer Menge, die sich ganz anders anfühlt. Friedlich. Freundschaftlich. Wir sind umgeben von gut gelaunten Menschen. Sehen Stadträder, Rennräder, Kinderräder. Tandems. Liegeräder. Fahrrad-Anhänger mit Kleinkindern oder mit Hund darin. Gespräche entstehen. Es geht uns gut. Die Frau, die neben mir radelt, fährt jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, 50 Minuten pro Weg, es geht nicht anders. Noch nicht. Mit den Öffentlichen bräuchte sie je zweieinhalb Stunden. Deshalb radelt sie hier mit.

Die Ordner in ihren roten Hemdchen ziehen an uns vorbei, immer wieder mit der Ermahnung, uns rechts zu halten, die Gasse nicht zu blockieren, sie radeln voraus, sperren die Seitenstraßen für uns ab, kommen nach, holen uns wieder ein und das Ganze beginnt von vorne – wie Hirtenhunde, die unermüdlich ihre Herde beisammen halten. Sie fangen den Frust und die Wut mancher Autofahrer auf, die es kaum aushalten, sich so ausgebremst zu erleben. Manche diskutieren. Gestikulieren. Ein Fahrer will sich in eine Lücke zwischen die Radler drängen (weswegen unsere Herdenhüter uns auch immer wieder ermahnen, aufzuschließen, solche Lücken erst gar nicht entstehen zu lassen). 

Später sehen wir sogar einen LKW-Fahrer, der versucht hat, sich seinen Weg zu erkämpfen, offenbar wollte er vom Verkehrskreisel aus hinein in das Radlermeer: Nun ragt das Fahrerhaus in die Straße hinein, der Rest hängt noch im Kreisel. Wir ziehen daran vorbei. 

Das Wort „Oberflächenversiegelung“ ist nicht länger nur ein Wort, man spürt diese versiegelten Flächen unter sich. Man fährt sie ab: Parkhäuser. Autohäuser. Parkflächen davor. Verkehrsinseln, trostlos und unlebendig. Dann wieder Ortschaften. Ginsheim-Gustavsburg. Rüsselsheim. Kelsterbach.

„Was ist denn hier los?“

Menschen stehen auf den Bürgersteigen und filmen mit ihren Handys. Wir winken. Aus einer Seitenstraße biegt ein Mann um die Ecke: „Was ist denn hier los?“ fragt er entgeistert. Eine Frau steht an der Ampel und schimpft: „Wenn Se mal eine Spur freimachen würden, könnten die Autos auch vorbei!“ 

Menschen, die das Ganze vom Balkon aus betrachten. An Bushaltestellen sitzen. In Dönerbuden. Cafés. Sie kommen einem viel näher als vom Auto aus, es ist kein Blech zwischen uns. Den blockierten Autofahrern winken wir so offensiv-freundlich und gutgelaunt zu, wie wir können. Viele können nicht anders und winken zurück. Manche hupen freundschaftlich. Manchmal wird der Kontakt ziemlich eng, wir ziehen an den stehenden SUV´s auf der Gegenfahrbahn vorbei, in denen genervte Fahrer sitzen, lahmgelegt, die tippen in ihre Handys, viele vermeiden, so scheint es, den Blickkontakt. Paare sitzen schweigend und offensichtlich frustiert nebeneinander. 

Bundesstraßen. Dann Autobahn. Den Zubringer rauf. Mit dem Rad. Mit tausend Rädern. 

Wenn man dann wirklich auf der Autobahn fährt, verschieben sich vollends die Perspektiven und man fragt sich, wie es so weit kommen konnte, dass Freiheit, Abenteuer, Fahrfreude, Spass – dass all diese Begriffe von der Autoindustrie übernommen, gebraucht und benutzt wurden, so sehr, dass sie sich beinahe nur noch so denken lassen, wie die Werbung es uns suggeriert. Dass wir das zugelassen haben …

Doch dann sehen wir den Strom hinzukommender Radler, sie kommen über die Zubringerbrücke, fädeln sich ein, wir winken und rufen einander lauthals zu, woher wir jeweils kommen. Fahren nebeneinander und unterhalten uns. Bewundern gegenseitig die mitgebrachten Schilder und Plakate. „Burn fat, not oil“, steht da. Und: „Klimakrise? Ich merkel nix.“ Auch ein Papp-Andi-Scheuer fährt mit.

Wir sind viele. Es ist ein wunderbares Gefühl. Frankfurt, wir kommen. Der Autoverkehr um uns herum wird wieder dichter, doch wir fahren jetzt in einem breiten Strom. Ein paar Stunden lang waren wir in der Mehrheit. Auch jetzt sind wir es noch, eine kleine Weile. Und einen Moment lang glücklich. 

Vor den Messehallen sehe ich das Riesenplakat für den neuen „City-SUV“, Skoda verspricht einen „Logenplatz. Auch im Stadtverkehr“. 

Wie passend zu dem was Arno Frank schreibt: „Die derzeit gängige (besser: geländegängige) These besagt, dass der Besitz eines SUV ikonografisch der Aufkündigung gesellschaftlicher Solidarität entspricht. Wer dergleichen bewegt, im Straßenverkehr zumal, rufe „Platz da!“ und wünsche, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer sich trollen. Zwar entrückt die Welt, sobald ich es mir auf dem stufenlos beheizbaren Hochsitz bequem mache. Wenn aber das SUV nicht Ursache, sondern Symptom ist – wovon?“ 

Von dem, was er wenig später im gleichen Artikel ausführt, dem SUV als „dystopisches Fluchtfahrzeug. Wenn dereinst alles zusammenbricht, dann kann ich damit querfeldein den Abflug machen. Notfalls durch Vorgärten, im Audi Q8 mit bis zu 254 Millimetern Bodenfreiheit und computergesteuerter Luftdämpfung notfalls auch über Leichen. (…) Es schützt uns vor einer allzu engen, allzu weichen, allzu niedrigen und gefährlichen Welt, wobei es die Welt noch gefährlicher macht, wovor es uns aber schützt. Denn wir sitzen hoch droben. Das zentralverriegelte SUV ist die Lösung für alle sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme unseres Jahrhunderts.

Und deswegen können wir nicht mehr aussteigen.“

Vielleicht nicht. Eine Gesellschaft besteht auch aus den Geschichten, die sie sich über sich selbst erzählt. Und die Autoindustrie hat, gerade in Deutschland, viele dieser Geschichten gewinnbringend und mehr als überzeugend in die Welt gesetzt, hat uns mit den jeweils neuesten Marken und Trends wahlweise oder – was für ein Kunststück – zeitgleich Abenteuer und Sicherheit verkauft. Anything you want. Freiheit, Sorglosigkeit, Leichtigkeit. Individualität. Das Auto ist alles, was du willst: Sportlich. Familienfreundlich. Und jetzt auch noch zukunfts- und klimatauglich? Das allerdings ist eine Geschichte, die so brutal mit der Realität kollidiert, dass sie immer schwerer zu glauben sein wird. Deshalb muss sie immer massiver und aggressiver vertreten werden. Ob wir als Gesellschaft da noch rechtzeitig aussteigen können? 

Wir konnten es, für ein paar Stunden. Fahrradaktivist Werner Buthe hat die Sternfahrt organisiert. Seine Arbeitskleidung ist ein schwarzes, verwaschenes T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin an allem schuld“. Dazu sagt er: „Wenn ich eine Veranstaltung organisiere, und jemand fragt, wo ist Werner, kann man antworten, das ist der Mann da vorne in dem schwarzen T-Shirt, der ist an allem schuld.“ So eine Sternfahrt ist für ihn erfolgreich, sagt er, „wenn sie es schafft, Emotionen zu vermitteln und die Menschen zum Denken anregt.“

Hat funktioniert. Ein paar Stunden lang haben wir erlebt, wie schön, wie verbindend, wie wohltuend es sein könnte, miteinander unterwegs zu sein, Allein auf dem Logenplatz sitzen, wer will das schon?

Danke an alle Organisatoren und Ordner. Danke, Werner Buthe!