Ärztliche Verantwortung – ein Aufruf

Ein Aufruf an Ärzte, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen

Liebe Kolleginnen und Kollegen, 

Fridays for Future ruft zum nächsten globalen Klimaprotest am 20. September auf.  Wir als Ärzte, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen sollten uns dem anschließen.  Wir sollten tun, was immer uns möglich ist, um diese Generation zu unterstützen, die von der Erderhitzung und den ökologischen wie gesellschaftlichen Folgen betroffen sein wird wie nie zuvor. 

Wir haben es mit einer uns bedrohenden, nie da gewesenen Krise zu tun. Die Folgen der Erderhitzung sind längst spürbar und in den täglichen Nachrichten.

Dennoch machen wir alle weiter wie bisher, fahren weiter Auto, fliegen in den Urlaub, verbrauchen viel zu viele Ressourcen … es wird politisch an kleinteiligen Lösungen gearbeitet, die bislang aber nicht erkennen lassen, dass die dramatische Erderhitzung dadurch auch nur ansatzweise gestoppt werden könnte. Im Gegenteil.

Wir dürfen uns nicht länger darauf verlassen, dass andere (Politiker, Wissenschafter, Umweltschützer usw.) schon für ausreichende Maßnahmen sorgen werden.

Diese Krise ruft Ängste und Befürchtungen hervor, die wir abwehren, weil sie unsere ganze Lebensweise und damit Identität in Frage stellen, und weil die Vorstellung der globalen Zerstörung zu erschütternd ist. Wir müssen  erst lernen, damit umgehen, um nicht abzuwehren, sondern zu handeln. Wir sind Teil einer massiven kollektiven Verleugnung, wir alle haben Abwehrstrategien bezüglich der Krisenwahrnehmung. Wir alle wissen einerseits darum, wir verhalten uns aber dennoch so, als ob es wenig mit uns persönlich zu tun hätte. Oder irgendwann später und irgendwoanders stattfinden würde. Dabei ist die Krise längst da. Hier und jetzt.

Abwehr und Verleugnung zu erkennen und damit umzugehen, ist unser Metier, damit arbeiten wir als Therapeuten tagtäglich – und genau darin liegt auch unsere Verantwortung. 

Auch aus rein somatischer Sicht ist es Zeit, zu handeln, und auf die Dringlichkeit hinzuweisen. Das Deutsche Ärzteblatt thematisiert in der aktuellen Ausgabe schwerpunktmäßig Folgen der Klimakrise, wie z.B.:  „Zukünftige Häufigkeit temperaturbedingter Herzinfarkte in der Region Augsburg“, „Assoziation von Klimafaktoren mit Wundinfektionsraten“, „Gesundheitsgefahren und Interventionen bei anstrengungsbedingter Überhitzung“.  

Hier ein Auszug aus dem Editorial:

Die Erderwärmung hat zur Folge, dass Hitzewellen, Dürren und Waldbrände häufiger und in extremerem Ausmaß als bisher auftreten. Extremniederschläge nehmen zu, der Meeresspiegel steigt und derzeit bewohnte Inseln verschwinden. Infektionskrankheiten häufen sich, einschließlich lokaler Wundinfektionen, aber auch nichtübertragbare Krankheiten. Ozon- und Partikelkonzentrationen wachsen an, mit Auswirkungen auf die respiratorische (1) und die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Eine Zunahme der Pollenlast wird voraussichtlich zu einem Anstieg allergischer Erkrankungen führen. Es ist auch gut denkbar, dass psychiatrische Störungen infolge traumatisierender Extremwetterereignisse zunehmen werden.
Aus politischer Sicht ist der Klimawandel ein möglicher Grund für neue internationale Konflikte, Kriege und Migration. Er wirkt als Verstärker bereits vorhandener Gesundheitsrisiken wie Armut, Hunger und Unterernährung, mangelnde Bildung, Flucht und Vertreibung. Am schlimmsten wird es vermutlich Menschen in Ländern des globalen Südens mit niedrigem und mittlerem Einkommen treffen, die selbst am wenigsten mit ihren Treibhausgasemissionen zur Erderwärmung beitragen und die nicht in der Lage sind, Anpassungsmaßnahmen zu finanzieren. Allerdings werden wir eine Erderwärmung auch in unseren Breiten spüren und sie wird auch unsere Patienten betreffen .
Natürlich sind die in der öffentlichen Diskussion bereits vielfach benannten Maßnahmen für eine CO 2 -Reduktion zu unterstützen – von der Energieerzeugung über verminderten Energieverbrauch, etwa durch den Individual- und Flugverkehr, bis hin zum Schutz der natürlichen Ressourcen, wie zum Beispiel des Regenwaldes. (…)

(Dennis Nowak, Deutsches Ärzteblatt | Jg. 116 | Heft 31–32 | 5. August 2019):

In ganz Deutschland und in vielen Ländern rund um die Welt ruft #FridaysForFuture alle Menschen auf, sich ihnen anzuschließen und sich hinter dem Pariser Abkommen, dem 1,5°C‑Ziel und echtem, gerechtem Klimaschutz zu vereinen. 

Die jungen Menschen, die so mutig zum Klimaprotest aufrufen, und die letztlich nur die Forderungen der Wissenschaftler übersetzen, damit sie die Politik und uns alle erreichen – sie brauchen unsere Unterstützung. Hier. Und jetzt.

Nachtrag:

„Doctors for future“ rufen ebenfalls zum Klimaschutz auf:
doctorsforfuture.org

Auch „Psychologists for future“: psychologistsforfuture.org/de/

Aus der Stellungnahme von Psychologinnen, ärztlichen/psychologischen Psychotherapeutinnen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen: „Climate Change is a psychological crisis, whatever else it is” (Poulsen, B., 2018): „Die aktuellen Proteste der Klimabewegung sind konsequent, klar und gut begründet. Eine weiterhin so schnelle Erderwärmung gefährdet unsere natürlichen Lebensgrundlagen sowie unsere körperliche und psychische Unversehrtheit. Sie ist eine existenzielle Bedrohung.“