Daniel Schmachtenberger – „Phase shift for humanity“, Teil 2

Demokratien – und Schlimmeres

Daniel Schmachtenberger: Wir brauchen neue Regierungssysteme. Wenn wir nur einmal darüber nachdenken, wie sehr wir das Wort „Demokratie“ lieben – und wir lieben das Wort „Demokratie“, weil das besser ist als Tyrannei und besser als andere wirklich schreckliche Systeme, die wir in jeder Größenordnung erlebt haben … aber als Winston Churchill sagte, „Demokratie sei die schlimmste Regierungsform, die jemals geschaffen wurde, abgesehen von allen anderen Formen“, meinte er – und das war wirklich aufschlussreich – wie schwer es ist, viele Menschen dazu zu bringen, sich auf irgendetwas zu einigen. Und wir vermasseln es dauernd. Wir haben diesbezüglich noch nie gute Arbeit geleistet. Es ist ein wirklich fehlerhaftes System. Dennoch wollen wir es, weil es, wie gesagt, Zustände überwindet, die noch problematischer waren.

Wenn wir einen Moment lang über Demokratie nachdenken, ob über repräsentative Demokratie, oder liquid democray, die mit einer Wahlwährung oder binären Abstimmung arbeitet, wenn wir also über einen Prozess nachdenken, bei dem man sagt, „okay, wir können nicht jeden dazu bringen, zuzustimmen, nicht über eine sehr kleine Anzahl von Menschen hinaus“ – eine Reihe von Stämmen konnte das, man kann sich einig werden, wenn alle miteinander ins Gespräch kommen können. Über diese Ebene hinaus, auf der es noch möglich ist, ein Gespräch miteinander zu führen, kann man einige Leute alles kontrollieren lassen und diese können sich miteinander austauschen – eine Art Oligarchie oder Meritokratie.

Aber wenn wir möchten, dass zumindest die meisten Menschen zustimmen, scheint Demokratie eine gute Idee zu sein – aber dann machen manche Vorschläge, Dinge zu tun, die sie für wichtig halten, die aber nur begrenzt Sinn machen und nie alles berücksichtigen. Solche Vorschläge – die nicht auf einem umfassendem, sinnstiftenden Verständnis beruhen – werden immer, um zu etwas nützlich zu sein, im Bezug auf etwas anderes schaden.

Manche werden es lieben – basierend darauf, ob der Vorteil, der entsteht, für sie unmittelbar relevant ist. Andere werden es hassen, wenn das, was beeinträchtigt wird, für sie relevant ist. Wir haben damit also eine unaufhaltsame Polarisierung geschaffen, weil wir beschissene Vorschläge machen und dann die Leute bitten, mit „Ja“ oder „Nein“ abzustimmen – über einen besch … ränkten Vorschlag. 

Wir merken also, dass nicht alle Menschen Gelegenheit kommen, etwas beizutragen zu dem sinnstiftenden Prozess, zu der Frage, was überhaupt ein guter Vorschlag wäre. Es gibt hier keine Art von kollektivem Input. Wir haben dabei ja noch nicht einmal herausgearbeitet, was „gut“ bedeuten würde. Also ist die Wahl, die wir treffen können, nur ein „Ja“ oder „Nein“ in einem Rahmen, der bereits kontrolliert und begrenzt wurde.

In der Regel sind diejenigen, die überhaupt einen Vorschlag machen können, diejenigen, die bestimmten Interessen verhaftet sind. Und deshalb stecken wir in diesem bestimmten System in der Polarisierung fest. 

Wir brauchen also neue Regierungssysteme, die keinem der bisherigen Systeme gleichen, in denen die Welt bisher gelebt hat. Es gibt Systeme, um individuell und gemeinsam verstehen zu können, was vor sich geht. Einen Sinn in dem zu finden, was wir tatsächlich schätzen und wie diese Werte synergetisch erfüllt und gelebt werden können – statt einer Theorie des ständigen Handelns miteinander. Wie schaffen wir ein Design, das optimale Synergieeffekte bietet? Das ist also etwas völlig Neues. 

In Bezug auf die Regierungsführung brauchen wir völlig neue Systeme des Wirtschaftens, wir brauchen völlig neue Systeme der Bildung, des Gesundheitswesens, bis hin zur individuellen Ebene, eine neue Grundlage für identitätsstiftende Werte, unsere eigene Sinnhaftigkeit, unsere Entscheidungsfindung. 

Was bedeutet „Ich“?

Solange ich denke und glaube, dass ich ein Individuum bin, das grundlegend getrennt von allen anderen und der Biosphäre und allem sonst existiert, kann ich mir weiter vorstellen, meine eigene Lebensqualität – unabhängig von anderen, oder vielleicht sogar auf Kosten von deren Lebensqualität – zu optimieren.

Doch sobald ich es begreife,und mir sage: „Okay, ich bin nicht dieser Baum, aber was wäre ich ohne alle Bäume? Ich würde nicht existieren, oder?“ Nun, es würde keine Atmosphäre geben, wenn es keine Photosynthese von Pflanzen gäbe. Also ist dieses „Ich“ im Grunde genommen nicht einmal ein bedeutungsvolles Konzept ohne alle Pflanzen. Wenn ich mich selbst als jemanden betrachte, der sich grundsätzlich unabhängig von Pflanzen erlebt, dann denke ich eigentlich nicht einmal klar. 

Es ist einfach keine gute Ontologie, keine gute Seins- und auch keine gute Zeichenlehre.

Und wenn ich anfange, das auszuweiten – was ist mit den Böden, was ist mit der Mikrobiotic und so weiter – dann stellt sich heraus, dass mein Leben von allem anderen abhängt und dieses „Ich“ eher ein aus alledem Entstehendes, Werdendes ist. 

Und nicht nur die Biosphäre – denn was wäre ich ohne die Sonne? Solange ich mich also als ein „Ich“ erlebe, das getrennt und vielleicht sogar rivalisierend ist, in rivalisierender Konkurrenz um knappe Güter, Status, Ressourcen, Aufmerksamkeit, Partner oder was auch immer, dann haben wir eine grundlegende Ausgangslage für Kriege. Und das in einer Welt exponentiell zunehmender Technologie, was bedeutet, dass die Kriegsführung immer konsequenter zur Selbstzerstörung führen wird.

Also, rivalisierende Dynamiken, multipliziert mit exponentieller Technologie führt zur Selbstzerstörung – exponentielle Technologie ist unaufhaltsam, wir können sie nicht ablegen, also finden wir entweder heraus, wie wir ohne Rivalität leben können –  oder wir löschen uns aus, ein Experiment kommt zum Abschluss. Das ist – das ist der Kern. Aus der Rivalität heraus zu finden, ist ein psychospiritueller Prozess in uns selbst – können wir überhaupt mit unseren Familienmitglieder auskommen, können wir auf unsere Gefühle und Auslöser achten, die uns unserer Souveränität berauben? Denn ich in dem Moment, in dem ich sauer werde und zu meinem Wertesystem gehört, keine wütende Person zu sein, bin ich tatsächlich ausser mir, nicht wahr? Kann ich das wahrnehmen und eine gewisse Souveränität über meine eigene innere Verfassung haben und darüber, wie ich mich in der Welt zeige –  und können wir herausfinden, wie wir das auch gemeinsam tun können?

Hier folgt dann (demnächst) Teil 3