Das Problem der Junk News

Wie Chancen in der Klima-Berichterstattung vertan werden

Mitte August 2019: Die taz widmet der Reise von Greta Thunberg nach New York nicht nur die Titelseite, sondern auch die ganze Seite drei. Und was erfahren wir dabei über Klima-Fakten und den Internationalen Klimaschutzgipfel, an dem sie teilnehmen wird?

Die erschreckende Antwort: Nichts. Absolut gar nichts.

Stattdessen altväterliche Späße über Greta Thunberg, diesmal nicht als „Zopfgretel“, sondern als „Wickie auf großer Fahrt“ auf dem Titelbild. Kinderprogramm der 1970er. Und eine ganze Seite drei über Greta Thunbergs Überfahrt – als Abenteuer-Story.

Statt des so dringend notwendigen Blicks nach vorne.

Die jungen Menschen, die jetzt demonstrieren (und Wickie nicht einmal mehr kennen) haben eine bedrohliche Zukunft vor sich. Und sie versuchen, die Aussagen der Wissenschafter so zu transportieren, dass es hoffentlich in der Bevölkerung ankommt: Wir werden einen beispiellosen Wandel unseres Lebensstils brauchen, um den Klimakollaps noch irgendwie verhindern zu können. Das schaffen wir nicht mit altbackenen Witzen – die tragischerweise aus einer Zeit, den 70ern, kommen, in der man noch weit effektiver hätte handeln können. 

Doch auch in anderen Medien fokussiert man sich, statt auf die wichtigen Fragen, lieber auf Greta Thunberg persönlich. Ausführlich werden die Details ihrer Reise kommentiert. Wo Greta an Bord schläft. Was sie isst. Dass sie eine Fleecejacke (Mikroplastik? Skandal!) trägt. Wieviel CO2 durch diese Reise ausgestossen wird. Und so weiter und so weiter.

Verschenkte Lesezeit. Verschenkte Aufmerksamkeit. 

Ist das ein Problem? Ja. Ein großes. Es ist ein Beispiel von vielen, wie die Chance für verantwortungsvollen Journalismus vertan wird. In ihrem TED-talk nannte Heba Aly diese Art der Berichterstattung „Junk News“ (alle Quellen sind verlinkt, einfach auf die Autorennamen klicken) .

Junk News, das ist: Schlampiger Journalismus über wichtige Themen, in oberflächlicher Form, einseitig, vereinfachend, bedeutungslos.

Junk News schaden uns mehr als Fake News: Junk News, das ist der Unsinn, der uns von den wichtigeren Themen ablenkt.

Junk News untergraben unsere Demokratie, weil sie uns nicht die Informationen liefern, die wir brauchen, um als aktive Bürger reagieren und fundierte Entscheidungen über unser eigenes Leben treffen zu können.

Die heutige Welt ist ein komplexes Durcheinander. Wir werden jeden Tag von schlechten Nachrichten bombardiert. Es war noch nie so wichtig, unsere immer komplexere Welt zu verstehen, weil wir nicht auf Krisen reagieren oder sie lösen können, wenn wir sie nicht richtig verstehen.

Es wird immer schwieriger für verantwortungsbewussten, informierten Journalismus, den Lärm da draußen zu durchbrechen. (Stop eating junk news. Heba Aly at TEDxChamonix)

Wir werden einen beispiellosen Wandel unseres Lebensstils brauchen, um den Klimakollaps noch irgendwie verhindern oder wenigstens abmildern zu können. Das schaffen wir nicht mit altbackenen Witzen à la „Wickie und die starken Männer.“ Witze, die die neue Generation nicht einmal mehr versteht. Und die tragischerweise aus einer Zeit – den 70ern – kommen, in der man noch weit effektiver hätte handeln können.

Noch einmal Heba Aly, die Edward O. Wilson zitiert:

„Wir ertrinken in Informationen, während wir nach Weisheit hungern.

Wir brauchen die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt, um kritisch darüber nachzudenken und wichtige Entscheidungen mit Bedacht zu treffen.“ 

Ist das wirklich das Niveau, auf dem wir diskutieren wollen?
Typisches „opinary“, auf allen Webseiten aller Tageszeitungen

Die aktuellen, alarmierenden Ergebnisse des IPCC …

Hier nun, was (nicht nur im taz-Artikel) in der Berichterstattung  fehlt oder untergeht, was jedenfalls anscheinend noch niemand wirklich an sich herangelassen hat: Die bisherigen Modelle des IPCC, des „Weltklimarates“, waren noch zu optimistisch. Darin wurde (2013) geschätzt, dass eine Verdoppelung der CO2-Konzentration wahrscheinlich zu einer Erderwärmung um 1,5 bis 4,5 Grad Celsius führen würde. Neue Schätzungen, basierend auf den aktuellsten globalen Klimamodellen, gehen davon aus, dass eine Verdopplung des CO2-Gehalts zu einer Erwärmung zwischen 2,8 Grad und 5,8 Grad führen könnte. Diese alarmierenden neuen Ergebnisse, werden in Fachkreisen bereits seit März 2019 diskutiert. Uns läuft die Zeit davon. 

Diese aktuellen Zahlen und deren Bedeutung finden sich kaum zwischen all den großen und kleinen Meldungen in der deutschen Tagespresse. Klar und deutlich lese ich wesentliche Eckpunkte nur auf der „sonnenseite“ von Franz Alt. Es ist nicht die persönliche Meinung von Herrn Alt, so wie auch das, wofür Greta Thunberg und „Fridays for future“ kämpfen, keine Ansichten von Teenagern sind. Es ist das, was ein internationales Team von 107 Wissenschaftlern in dreijähriger Arbeit aus über 7.000 Studien ausgewertet hat. 

… und warum IPCC-Wissenschaftlerin Joëlle Gergis von ihrer „explosiven Wut“ spricht

Die australische Klimaforscherin Dr. Joëlle Gergis, die im IPCC der Vereinten Nationen mitarbeitet, schrieb im August 2019 : „Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse sind alarmierend, selbst für Klimaforscher.“ 

Ich bin in der Situation, eine der wenigen AustralierInnen zu sein, die die schreckliche Realität der Klimakrise sehen.

„Wenn viele der fortschrittlichsten Klimamodelle der Welt unabhängig voneinander zu denselben verstörenden Ergebnissen kommen“, sagt sie, „dann haben wir ein Problem:

Bei der Verabschiedung des Pariser Abkommens im Dezember 2015 wurde ein konkretes Ziel definiert: Die globale Erwärmung sollte deutlich unter 2 ° C und möglichst nahe bei 1,5 ° C über dem vorindustriellen Niveau (von 1850-1900) liegen. Das Abkommen hatte zwar bewundernswerte Absichten, sah jedoch keine rechtsverbindlichen Vorgaben für die unterzeichnenden Nationen vor und enthielt keinerlei Mechanismen zur Durchsetzung. 

Stattdessen hat sich jedes Land verpflichtet, national festgelegte Beiträge (Nationally Determined Contributions, NDCs) öffentlich bekannt zu geben, um die Emissionen zu senken. Im Wesentlichen liegt es an jeder Nation, im Interesse der Öffentlichkeit zu handeln.

Würden wir dringend handeln, wäre es technisch noch möglich, das Schlimmste abzuwenden

Selbst wenn das ehrgeizigste Ziel von 1,5 ° C erreicht wird, werden im Vergleich zu heute 70 bis 90 Prozent der Korallenriffe weiter zerstört. Dies geht aus dem IPCC-Sonderbericht über die globale Erwärmung von 1,5 ° C hervor, der im vergangenen Oktober veröffentlicht wurde . Bei einer Erwärmung von 2 ° C verschwinden 99 Prozent der tropischen Korallenriffe. Ein ganzer Bestandteil der Biosphäre der Erde – unser planetarisches Lebenserhaltungssystem – würde eliminiert. Die Auswirkungen auf die 25 Prozent aller Meereslebewesen, die von Korallenriffen abhängen, wären tiefgreifend und unermesslich.

Wie sieht es nun mit dem Pariser Abkommen aus?

Im Jahr 2017 haben wir eine Erwärmung von 1 ° C gegenüber den globalen vorindustriellen Bedingungen erreicht. Laut dem im November 2018 veröffentlichten „Emissions Gap Report“ des Umweltprogramms der Vereinten Nationen werden wir mit den gegenwärtigen, nicht bindenden nationalen Beiträgen (NDCs) bis Ende dieses Jahrhunderts einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 2,9 bis 3,4 ° C über dem vorindustriellen Niveau erleben.

Um die Erwärmung auf 2 ° C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, muss die Welt ihre derzeitigen Versprechen zur Emissionsreduktion verdreifachen. Schlimmer noch, um die globale Erwärmung auf 1,5 ° C zu begrenzen, muss der globale Ehrgeiz um das Fünffache gesteigert werden.

Sogar mit den 1 ° C der Erwärmung, die wir bereits erlebt haben, sind 50 Prozent des Great Barrier Reefs tot. Wir erleben einen katastrophalen Zusammenbruch des Ökosystems des größten lebenden Organismus auf dem Planeten. Wenn ich diese schrecklichen Informationen mit dem Publikum im ganzen Land teile, mache ich oft eine Pause, damit die Leute versuchen können, diese Informationen wirklich aufzunehmen.

Nach meinen Vorträgen finde ich mich immer häufiger weinend in meinem Hotelzimmer oder auf dem Heimflug wieder. Manchmal schafft es die Realität der wissenschaftlichen Fakten, den emotional eingefrorenen Teil meiner selbst aufzutauen, den ich sonst für meine Arbeit brauche. In diesen Momenten ist das, was auftaucht, pure Trauer. (…) Die Bereitschaft, den „point of no return“ anzuerkennen, ist eine Akt der Mutes.

Aber in diesen Tagen schlägt meine Trauer um in Wut. Vulkanartige, explosive Wut. Weil in demselben IPCC-Bericht, in dem die Details der bevorstehenden Apokalypse skizziert werden, die Klimawissenschaft eindeutig erklärt hat, dass eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 ° C geophysikalisch möglich ist.

Denn die Emissionen der Vergangenheit allein werden die globalen Durchschnittstemperaturen wahrscheinlich nicht auf 1,5 ° C über dem vorindustriellen Niveau erhöhen. Der IPCC-Bericht besagt, dass eine weitere Erwärmung über die bereits festgestellten 1 ° C hinaus in den nächsten 20 bis 30 Jahren wahrscheinlich weniger als 0,5 ° C betragen würde, wenn alle anthropogenen Treibhausgasemissionen sofort auf Null reduziert würden. Das heißt, wenn wir dringend handeln, ist es technisch möglich, die Dinge umzudrehen.

Das einzige, was fehlt, ist eine starke globale Politik.

Obwohl die Grundlage der menschlichen Zivilisation auf dem Spiel steht, ist die Welt auf dem besten Weg, unsere UN-Ziele ernsthaft zu übertreffen. Schlimmer noch, die globalen Kohlenstoffemissionen steigen immer noch.

Wenn wir uns die Klimavergangenheit der Erde ansehen, stellen wir fest, dass sich die Welt selbst bei Temperaturerhöhungen zwischen 1,5 und 2 ° C auf eine Weise neu konfiguriert, die wir noch nicht abschätzen können. Und wir rechnen mit 3 bis 4 ° C. Teile Australiens werden unbewohnbar, während andere Gebiete unseres Landes zunehmend von extremen Wetterereignissen heimgesucht werden.

Können wir rechtzeitig die größtmöglichen menschlichen Fähigkeiten aufbringen?

Es gibt einen sehr vernünftigen Grund, warum australische Schulkinder jetzt auf die Straße gehen – die Unermesslichkeit dessen, was auf dem Spiel steht, ist wirklich unglaublich. Über diesen planetarischen Notfall zu schweigen, ist auch für mich keine Option mehr.

Angesichts der Tatsache, dass die Politik in diesem Land von der wissenschaftlichen Realität abgekoppelt ist, ist ein dringender und pragmatischer nationaler Austausch jetzt unerlässlich. Ansonsten müssen wir uns der schrecklichen Wahrheit stellen: Einem Leben auf einem destabilisierten Planeten.

Was ich als Klimawissenschaftlerin an diesem schwierigen Punkt unserer Geschichte anbieten kann (…) ist ein klarer und mitfühlender Blick auf die Fakten.

Wir haben immer noch Zeit, um das Ausmaß der Katastrophe abzuwenden, aber wir müssen wie im Notfall reagieren. Die Frage ist, können wir das Beste unserer Menschlichkeit rechtzeitig aufbringen?“

Und noch ein kurzer Blick zurück nach Deutschland

Auch hier scheint noch niemand die Situation wirklich verstanden zu haben. Franz Alt schrieb: Vor kurzem bat mich eine der am auflagenstärksten deutschen Zeitungen um einen Kommentar zum Klimawandel. Ich schilderte die ganz reale Lage, wie sie uns die Klimaforscher seit rund 30 Jahren berichten. Doch die Kollegen schickten mir den Artikel zurück mit der Bemerkung, er sei zu „alarmistisch“.

„Fridays for future“, XR und andere versuchen, gemeinsam mit den Wissenschaftlern, die erschreckenden Zukunftsperspektiven zu kommunizieren und die so dringend notwendigen Schritte einzufordern.

Können wir sie jetzt endlich einfach unterstützen? Auch uns selbst zuliebe?

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