I can’t breathe – zum Tod von George Floyd

Mai 2020: George Floyd

Es ist etwas, was wir uns im – heutigen – Deutschland nicht mehr vorstellen können: Ein Mensch wird auf offener Straße zu Tode gequält, der Täter kniet über ihm, die Mittäter stehen ungerührt dicht daneben, Menschen sehen zu, hilflos, fassungslos, man möchte die Polizei rufen, damit das sadistische Treiben endlich aufhört. Doch das hier ist schon die Polizei. Es gibt niemanden, den man um Hilfe rufen könnte.  

George Floyd stirbt am 25. Mai 2020 in Minneapolis. 

Die alltägliche Gewalt gegen Schwarze macht sprachlos. Wieder einmal. Die alltägliche Gewalt gegen Schwarze macht sprachlos. Wieder einmal. Diese beinahe neun Minuten, die wir uns alle im Internet anschauen können, sind kaum zu ertragen. Die Körpersprache von Officer Chauvin: Wie er dem MAnn auf dem Boden sein Knie in den Nacken drückt, mit unbewegtem Gesicht, die Hand dabei in der Hosentasche, lässig, eine unerträglich gleichgültige Pose, während George Floyd ihn anfleht und auch die ringsum Stehenden ihn drängen, diese Folter zu beenden. 

„He is fine“, sagt Chauvin. Kurz darauf ist George Floyd tot.

Lonnae O’Neal, leitende Autorin bei The Undefeated, schreibt: „Ich wollte nicht auf das Video klicken. Ich wollte kein weiteres Snuff Video der Polizei sehen. Ich wollte es nicht sehen, was auch immer es ist, das jemanden dazu bringt, sein Knie in den Nacken eines Mannes zu drücken, bis er nicht mehr atmen kann.“ Aber was sie, so schreibt sie, am meisten berührte: Wie dieser Mann nach seiner Mutter rief, als er im Sterben lag. Auch sie ist eine schwarze Mutter: „Eine von denen, die diesen Ruf seit undenklichen Zeiten hören und darauf antworten müssen. Wir alle sind aufgefordert, Zeugen zu sein.“

Auch wenn man das Video nicht ansehen kann oder will, allein Floyds letzte Worte (ich zitiere von freethoughtblogs.com) sind furchtbar. 

It’s my face man
I didn’t do nothing serious man
please
please
please I can’t breathe
please man
please somebody
please man
I can’t breathe
I can’t breathe
Please
(Inaudible)
man can’t breathe, my face
just get up
I can’t breathe
please (inaudible)
I can’t breathe sh*t
I will
I can’t move
mama
mama
I can’t
my knee
my nuts
I’m through
I’m through
I’m claustrophobic
my stomach hurt
my neck hurts
everything hurts
some water or something
please
please
I can’t breathe officer
don’t kill me
they gon’ kill me man
come on man
I cannot breathe
I cannot breathe
they gon’ kill me
they gon’ kill me
I can’t breathe
I can’t breathe
please sir
please
please
please I can’t breathe


Kurz darauf stirbt George Floyd.

„Das Kapitel, das diese Woche geschrieben wurde, ist eines unserer dunkelsten Kapitel“, sagte Tim Walz, Gouverneur des US-Bundesstaats Minnesota (zitiert nach BBC) Aber auch: „Gott sei Dank war da ein junger Mensch mit einer Kamera, um es zu filmen. Es gibt heute niemanden hier, der sich nicht fragt, wie oft es (in solchen Situationen) keine Kameras gibt.“

„Natürlich gibt es Proteste“, schreibt Keeanga-Yamahtta Taylor in der New York Times am 29. Mai. „Der Zusammenbruch von Politik und Regierungsführung lässt keine andere Wahl. Die Reaktion der Demonstranten in Minneapolis ist leicht zu verstehen. (Wenn Sie genau hinschauen: es nehmen Hunderte von Weißen teil; all die Ungerechtigkeiten sind auch für sie offensichtlich.) In diesem Frühjahr sind im schwarzen Amerika mindestens 23.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 aufgetreten. Das Coronavirus hat seinen Weg durch schwarze Gemeinschaften gefunden und all die tief liegenden sozialen Ungleichheiten hervorgehoben und beschleunigt, welche die Afroamerikaner am anfälligsten für die Krankheit gemacht haben.“

Auch das gibt es: In Portland, Oregon, ging eine Gruppe Polizisten in Solidarität mit den Demonstranten auf die Knie, wie ein Video der Zeitung „The Oregonian“ zeigt.

Unvorstellbare Ungleichheit

Roland Nelles, Chef-Korrespondent in Washington für den SPIEGEL, schreibt von der „brutalen Ungleichheit, eine soziale Spaltung, die man sich in Europa nur schwer vorstellen kann. Jetzt, in der Coronakrise, hat sie unvorstellbare Ausmaße angenommen. Während es den Milliardären und Teilen einer überwiegend weißen oberen Mittelklasse weiter gut geht, werden große Teile der Bevölkerung und ganze Landstriche immer mehr abgehängt.“

Und: „Selten zuvor wurde die Spaltung auf so absurde Weise sichtbar: In den Vororten von New York, Washington und Chicago gehen die Wohlhabenden mit ihren 5000-Dollar-Hündchen in der Sonne entspannt Gassi, während in den Armenvierteln ganze Familien in langen Schlangen vor Suppenküchen für Essen anstehen. (…) Millionen von Amerikanern konnten sich angesichts hoher Lebenshaltungskosten schon vor der Krise als „Working Poor“ nur mithilfe von Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Durch Corona sind sie endgültig zur Armut verdammt. Hinzu kommen all die anderen Probleme, Rassismus ist eins davon, eine alte, tiefe Wunde. Aber da sind auch: Drogenmissbrauch, Banden-kriminalität, Gewalt in Familien, chronische Krankheiten, der Bildungsnotstand in den ärmeren Gebieten und die Waffengewalt. (…)“

„Donald Trump“, schreibt Roland Nelles, „lebt davon, die unterschiedlichen Gruppen in Amerikas Gesellschaft gegeneinander auszuspielen. Es geht ihm nicht darum, das ganze Land besser zu machen, sondern nur einen Teil. Statt ein Präsident für alle Amerikaner zu sein, kümmert er sich allein um die überwiegend weiße Hälfte, die ihm die Wiederwahl sichern soll. (…) Trump ist als Versöhner ungeeignet. Und anders als seine Vorgänger im Amt, George W. Bush und Barack Obama, versucht Trump nicht einmal, die tieferliegenden, komplexen Probleme der Gesellschaft ernsthaft anzusprechen oder anzugehen. Dafür bräuchte es einen langen Atem, kluge Konzepte, Mitgefühl – und viel Geld. Das alles interessiert Trump nicht. Er setzt allein auf den schnellen wirtschaftlichen Aufschwung, ganz so, als würde sich damit alles lösen lassen. Das ist Trumps wirkliches, sein größtes Versagen. Amerikas Wähler müssen im November entscheiden, ob sie das weiter ertragen wollen.“

Daten und ein Kommentar dazu auf der (privaten) Webseite von Hans Metsch

Quelle: Business-Punk

American sons

Zum Weiterlesen, -hören, -schauen: American son (2019) ist ein sehr sehenswertes Drama (Infos hier). Es macht die Ängste und die Verzweiflung einer schwarzen Mutter (und des Vaters, der später hinzukommt) spürbar, die eine Nacht lang auf einer Polizei-Station in Miami um ihren Sohn Jamal bangen, der offenbar in eine Polizeikontrolle geraten ist. Das tiefe Misstrauen zwischen den Polizeibeamten und den Hilfesuchenden, die Angst, Verzweiflung, Verbitterung auf beiden Seiten, eine Spaltung die letztlich auch die Beziehung von Jamals Eltern zerstört hat, all das wird in diesem Kammerspiel sehr eindrücklich aufgefächert. 

I am not your negro (2017) . Unbedingt sehenswert. Über die Seite der Bundeszentrale für politische Bildung kann man den Film kostenlos ansehen. Auf der Webseite heißt es: „Über ein Textfragment des Schriftstellers James Baldwin spannt der Oscar-nominierte Dokumentarfilm den Bogen von der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 60er Jahre bis zur Black-Lives-Matter-Bewegung der Jetztzeit. – „I am not your Negro“ gilt als ein Meisterwerk des jüngeren politischen Kinos. Er ist einerseits eine eindrückliche Analyse der Repräsentation von Afro-Amerikanern in der US-Kulturgeschichte und versteht es andererseits über eine kraftvolle visuelle Sprache die Aktualität von Themen wie institutionellem oder Alltagsrassismus herauszustellen (#Ferguson, #BlackLivesMatter).“

Und: Beim Schreiben dieses Artikels fiel mir Bob Dylans The Death of Emmett Till (1962) wieder ein. Der Song ist einer der vielen, in den Bob Dylan sadistische Gewalt gegen Schwarze thematisiert – und die strukturelle Gewalt eines Staates, der die Täter schützt. Dylans Song ist noch immer, 65 Jahre nach dem Tod des Jungen, erschreckend aktuell.

August 1955: Emmett Till

Emmett Till wurde im August 1955 ermordet. Ein gerade erst 14jähriger Junge aus Chicago, der seinen Onkel in Mississippi besuchte, und dort, im Lebensmittelladen des Ortes Money, ein wenig zu ausgelassen mit der Frau des Lebensmittelhändlers sprach – er soll, so heisst es, bei Verlassen des Ladens „Bye, Babe“ gesagt und einen bewundernden Pfiff ausgestoßen haben. Es kostete ihn das Leben. Vier Tage später wurde er von Roy Bryant, dem Lebensmittelhändler und dessen Halbbruder bestialisch ermordet. 

BoB Dylans Song kann man hier hören. Ich möchte den Text nicht übersetzen, um Dylans Sprache nicht zu verfälschen – ich zitiere nur auf Englisch (siehe unten).

Bob Dylan: The Death of Emmett Till

„‚Twas down in Mississippi no so long ago / When a young boy from Chicago town stepped through a Southern door / This boy’s dreadful tragedy I can still remember well / The color of his skin was black and his name was Emmett Till

Some men they dragged him to a barn and there they beat him up / They said they had a reason, but I can’t remember what / They tortured him and did some things too evil to repeat / There was screaming sounds inside the barn, there was laughing sounds out on the street

Then they rolled his body down a gulf amidst a bloody red rain / And they threw him in the waters wide to cease his screaming pain / The reason that they killed him there, and I’m sure it ain’t no lie / Was just for the fun of killing‘ him and to watch him slowly die

And then to stop the United States of yelling for a trial / Two brothers they confessed that they had killed poor Emmett Till / But on the jury there were men who helped the brothers commit this awful crime / And so this trial was a mockery, but nobody there seemed to mind

I saw the morning papers but I could not bear to see / The smiling brothers walking‘ down the courthouse stairs / For the jury found them innocent and the brothers they went free / While Emmett’s body floats the foam of a Jim Crow southern sea

If you can’t speak out against this kind of thing, a crime that’s so unjust / Your eyes are filled with dead men’s dirt, your mind is filled with dust / Your arms and legs they must be in shackles and chains, and your blood it must refuse to flow / For you to let this human race fall down so God-awful low

This song’s just a reminder to remind your fellow man / That this kind of thing still lives today in that ghost-robed Ku Klux Klan / But if all of us folks that thinks alike, if we gave all we could give / We could make this great land of ours a greater place to live