Corona – und der Umgang mit Angst und Unsicherheit


Wir alle haben in den vergangenen Monaten die Auswirkungen der Pandemie und der ergriffenen Maßnahmen gespürt. Für viele eine belastende und verunsichernde Zeit. Zugenommen hat aber auch die Polarisierung hinsichtlich der Einschätzungen zu Corona.

„Die Coronavirus-Krise wird als radikaler Gefahrenzustand erlebt, nicht nur, weil sie eine tödliche Bedrohung darstellt, sondern zu einem großen Teil auch, weil die Bedrohung hinsichtlich ihres Umfangs, ihrer Dauer, ihrer Angriffsmethoden und ihrer Verteidigungsmittel nicht definiert ist. Dies ist für uns die bedrohlichste Kombination – eine äußere Gefahr, deren Form nicht klar umrissen ist, und die inneren Szenarien Platz macht.„(aus: „Solidarisch gegen Corona“)

Wenn Menschen Unsicherheit erleben, sich von außen bedroht fühlen oder eine nicht konkret bekämpfbare Gefahr erleben, neigen sie eher dazu, einfache Erklärungen heranzuziehen, um wieder ein Gefühl von Sicherheit zu bekommen. COVID 19 ist eine solche Gefahr.

Uns fällt in unserer therapeutischen Arbeit auf, dass uns im Moment viele Menschen mit einfachen Erklärungen, Meinungen und vermeintlichen Lösungen bezüglich Corona konfrontieren – in einer Zeit, in der es für abschließende Urteile und Bewertungen definitiv zu früh ist. Das reicht bis hin zu Aussagen wir „die Pandemie ist ja nur erfunden“, oder „nicht schlimmer als eine Grippe“. Wer einmal zu dieser Überzeugung gelangt ist, lässt sich meist auch nicht mehr vom Gegenteil überzeugen.

Angst zu spüren ist in einer ungewissen, bedrohlichen Situation etwas angemessenes. Die bestehende Unsicherheit, das Noch-nicht-Wissen ist real. Wenn wir uns dem nicht stellen können oder wollen, dann müssen wir diese Gefühle abwehren – und dann werden Verschwörungsmythen attraktiver.

Doch wie gehen wir mit dieser Spaltung um – gesellschaftlich, aber auch im eigenen, persönlichen Umfeld?

Wir befürchten nur, was längst schon geschehen ist

Der Psychoanalytiker Donald Winnicott beschrieb, dass die Angst vor der Zukunft immer nur eine die in die Zukunft projizierte Erfahrung sein kann. Das Bild einer Zukunft, die wir uns vorstellen können, besteht immer aus vertrauten, uns bekannten Elementen – wie sollte es auch anders sein? Es lohnt sich daher, sich klarzumachen, dass unsere Befürchtungen meist mehr mit der Vergangenheit zu tun haben als mit der Zukunft, die uns erwartet.

Wer hätte sich zum Beispiel in diesem Januar, Februar das vorstellen können, was wir dann in den folgenden Monaten erlebt haben? Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommt. Nicht einmal die Begriffe wie „lock-down“, „social distancing“, „super-spreader“ usw. hatten zu dieser Zeit eine Bedeutung für uns. Wir fürchten uns also immer nur vor dem, was wir kennen – was mit der Realität, die dann wirklich eintrifft, meist wenig zu tun hat.

Wir können sozusagen immer nur das befürchten, was bereits geschehen ist. Was bedeutet das nun im Zusammenhang mit COVID 19? Zunächst einmal: dass wir aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen womöglich völlig unterschiedliche Ängste haben, die zu verschiedensten Einschätzungen und Reaktionen führen können.

Im Wort „history“ steckt das Wort „story“. Aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen bilden wir unsere Geschichte. Sehr häufig sind daher die persönlichen Angstauslöser und die Reaktionen auf äußere Bedrohung sehr eng verknüpft mit eigenen Lebenserfahrungen.

Einige Beispiele aus der Praxis:

  • Einen heutigen Vater, der in der Kindheit eine dringend notwendige Orientierung vermisst hat, verunsichern all die offenen Fragen bezüglich der Pandemie zutiefst. Er sucht im Internet, bis er einen „Experten“ findet, der souverän auftritt und dabei Zahlen präsentiert, die beweisen sollen, dass dieses Virus auch nicht schlimmer ist als bisherige Grippewellen. Das wirkt entlastend und beruhigend auf ihn.
  • Eine allein lebende Frau, die lange emotionalen Mangel erlebt hat und nun durch die soziale Distanzierung bisherige Begegnungen und Unterstützung vermisst, sucht Halt in einer bestimmten Gruppe, die sich gemeinsam gegen die Schutzmaßnahmen engagiert. Für sie persönlich sind die Beschränkungen zu schmerzlich, um sie akzeptieren zu können. Die Gruppe bietet ihr eine Legitimation dafür, die Beschränkungen zu missachten, und sie erlebt neue Nähe in der Gruppe.
  • Ein älterer Mann, der in der Kindheit jede Schwäche als bedrohlich erlebt hat und sich gegen Stärkere wappnen musste, ist durch die erneute Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit überfordert und wehrt sie mit lockeren Sprüchen ab – „Ist doch egal, woran ich sterbe, das müssen wir doch eh alle irgendwann.“
  • Eine Frau, die von ihren Eltern und später von ihrem Mann sehr autoritär behandelt wurde, nie nach der eigenen Meinung gefragt wurden, fühlt sich nun auch durch die Schutzmaßnahmen-Verordnungen fremdbestimmt – wie in ihrer Vergangenheit. Doch nun erlebt sie zum ersten Mal Verbündete, diesmal im Kampf gegen „undemokratische Entscheidungen“ und Verordnungen.
  • Eine andere Frau, die sehr distanzierte Eltern erlebt hat, auf die sie sich nie verlassen konnte, erlebt die laufend korrigierten Einschätzungen der Gefahr und neu beschlossene Maßnahmen als bedrohlich und sieht die Entscheidungsträger als ebenso unzuverlässig („die sagen ja jeden Tag was andres“).
  • Manche haben als Kind erlebt, dass sie für ihre natürliche Unwissenheit beschämt wurden, als dumm oder unzulänglich behandelt wurden – nun sind sie durch die Nachrichten überfordert und erleben wieder, dass vieles für sie unverständlich ist – und richten ihre Aggression auf die „Wissenschaftler“, oder retten sich heute in Besserwisserei: „Ich weiß selbst Bescheid“, „ich bin doch ein mündiger Bürger“, „ich kann die Zahlen selbst lesen“ usw.
  • Menschen, die in der Kindheit oder später körperliche Übergriffe erlebt haben, können große Ängste vor „Zwangsimpfungen“ entwickeln.
  • Für manche war als Kind die Enge in der Familie bedrückend, und gute Zeiten gab es nur in Ferienfreizeiten, in der Schule, bei Verwandten – nun fehlen die „Fluchten“, und das „Zuhauseeingesperrtsein“ belastet sie zutiefst.
  • Manche haben in der Kindheit die finanziellen Nöte der Eltern miterlebt und fürchten nun einen Absturz in die Armut, selbst wenn es dafür real keinen Anlass gibt.

Man könnte sich – und sein Gegenüber – also fragen: Was empfinden wir hinsichtlich der Corona-Krise als belastend? Was ist für uns persönlich jeweils am schwierigsten auszuhalten? Dann werden zum einen die heutigen Belastungen benennbar – finanzielle Sorgen, fehlende Erholung durch Urlaube, zu viel Nähe in der Familie, gesundheitliche Sorgen, vor allem, wenn man einer Risikogruppe angehört usw. – und natürlich können uns auch politische Entwicklungen mit berechtigter Sorge erfüllen. Der Umgang mit alledem wird jedoch klarer und auch konstruktiver, wenn man all das identifiziert, was nicht in die Gegenwart gehört – alte schmerzliche oder bedrohliche Erfahrungen, auf die wir im Grunde noch auf derselben alten Ebene antworten, und damit auch nicht ganz realisieren, dass wir heute kompetent, kreativ und angemessen auf die Herausforderungen reagieren könnten.

In unserer therapeutischen Arbeit versuchen wir, die verschiedenen Ebenen zu sortieren, was zu einem klareren Blick und neuen Handlungsimpulsen führen kann – oder auch einfach zu einem besseren Verständnis für das eigene Erleben.

Das ist der längere, schwierigere, herausfordernde Weg. Eine Abkürzung bieten verschiedene Abwehrformen. Sie schaffen eine unmittelbare Entlastung des Bedrohungsgefühls: indem wir andere beschuldigen, spalten, kontrollieren, Autoritäten suchen (im positiven wie im negativen Sinne), zwanghaft Informationen sammeln, hamstern … und so weiter.

Wie funktionieren Entlastungsstrategien?

Verschwörungstheorien arbeiten mit dem Zweifel: Alles anzuzweifeln gibt ein neues Gefühl von Macht. Es ist eine beliebte, einfache und bewährte Technik in bestimmten Kreisen, Suggestivfragen zu stellen, an deren ernsthafter Beantwortung man jedoch überhaupt nicht interessiert ist. 

„Man wird ja wohl noch fragen dürfen! Dabei unterliegen die so Fragenden einer folgenschweren Verwechslung: Es wird geglaubt, die angeblichen oder tatsächlichen Profiteure gesellschaftlicher Krisen müssen auch die Verursacher derselben sein“ schreibt Tom Uhlig in „belltower-news“: Nur weil zum Beispiel die Pharmaindustrie von der Entwicklung eines Impfstoffes profitiert, bedeutet das nicht, dass sie die Pandemie eigens dafür erfunden haben.

Die Erfahrung von Ohnmacht, eines sehr begrenzten Handlungsspielraums, der eigenen Verletzlichkeit, ja, des Ausgeliefertseins, bedeutet auch eine kollektive narzisstische Kränkung: Wir sind doch nicht so allmächtig und haben längst nicht alles so im Griff, wie wir bislang dachten.

Eine Verschwörungstheorie zielt immer auch auf die Rückgewinnung von Macht und Kontrolle: Darauf, dass man zumindest weiß und „durchschaut“, was die anderen im kollektiven Wahn noch glauben. Denen „da oben“ wird eine Macht zugesprochen, die diese gegen „uns“, den Rest der Menschheit, nutzen – daran zu glauben, dass einige wenige Menschen die Geschicke der ganzen Menschheit steuern, ist als anthropozentrischer Ansatz offenbar immer noch entlastender, als zu spüren, dass wir nur ein Teil der Natur sind, Naturgesetzen unterworfen sind, dass uns zum Beispiel ein Virus in die Knie zwingen kann – und es so unglaublich vieles gibt, was wir einfach noch nicht wissen.

„Eine Verschwörungstheorie ist immer dann “attraktiv”, wenn man damit eigene Ängste, negative Emotionen oder Gefühle der Minderwertigkeit, des Nicht-Dazugehörens, der Ungerechtigkeit oder des Benachteiligtseins abwehren kann“, sagt der Berliner Psychologe Volker Drewes . Drewes weiter: „Es handelt sich also zunächst um einen inneren, psychologischen Prozess, der eine Art Gleichgewicht wiederherstellen soll. Die Gruppe der Verschwörungstheoretiker bildet sich dann nach und nach heraus, je nachdem wie schnell — und heute geht das mit Hilfe der sozialen Medien sehr schnell — einzelne sich mit anderen, Gleichgesinnten zusammentun. Allein die Tatsache, dass man nunmehr mit seinen Ängsten nicht mehr allein ist, schweißt jetzt eine Gruppe zusammen. Aus der inneren Angst des Einzelnen ist eine soziale Bewegung im Außen geworden.“

Argumentieren ist aussichtslos

Argumentieren ist aussichtslos: es gibt immer wieder neue Gegenargumente. Selbst das psychologische Wissen um Abwehrmechanismen kann im Sinne der Abwehr benutzt werden: So fanden wir eine Seite, in der die Viruserkrankung letztlich auf psychische Ursachen zurückgeführt wird und „die Tendenz vieler Menschen, sich die Hände so häufig zu waschen und zu desinfizieren“ als „zwangsneurotischer Abwehrmechanismus“ (!) diskreditiert wird. (Quelle siehe hier). Ob sich solche Menschen dann auch von (psychisch stabilen) Chirurgen mit ungewaschenen Händen operieren liessen?

Aber auch wenn die Argumentationen nicht ganz so abwegig daherkommen: Dass etwas an der Haltung zum Beispiel eines Boris Palmer nicht stimmt, merken wir vor allem an der Wirkung. Wir können seine Aussage: „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären“ inhaltlich widerlegen. Es ist einfach falsch (Palmer ist auch kein Mediziner, kein Virologe, kein Epidemiologe, sondern Lokalpolitiker). Wir können aber auch die Wirkung seiner Sätze spüren. Palmer sagt es selbst: darin liegt eine Brutalität, mit der die Sterblichkeit und Verletzlichkeit, die alle Menschen ausmacht, negiert, bzw. auf eine Teilgruppe projiziert wird.

Aus dem Entwurf, den Palmer, Juli Zeh, Kekulé und weitere Autoren vorlegen, spricht so viel (Selbst-) Gewissheit, dass man sich nur wundern kann – wie können sie so sicher sein, den richtigen Weg zu wissen, in einem Fachgebiet, für das sie nicht qualifiziert sind? Angesichts einer Erkrankung, der selbst Spezialisten gerade erst in Ansätzen auf der Spur sind? In einer Situation, in der es so viel abzuwägen gibt, und wir einfach so vieles noch nicht wissen, gar nicht wissen können?

„Es lässt sich ja kaum noch zusammenfassen, was so kursiert in sozialen Medien, häufig in Form von Videos, die man sich abrufen kann und die zum Teil Millionen von Abrufen haben und die voller Unsinn sind, voller falscher Behauptungen, die überhaupt nicht fundiert sind. Von Personen, die sich berufen auf ihre medizinische Ausbildung, da sind zum Teil Ärzte und auch Professoren dabei, die irgendeinen Quatsch in die Welt setzen und die nie in ihrem Leben wirklich an diesen Themen gearbeitet haben, denen man aber dann glaubt anhand ihrer akademischen Qualifikationen. (…) ich bin auch Professor und ich würde mich nie trauen, irgendwelche Dinge zum Beispiel über Bakterien an die Öffentlichkeit zu geben, die auch noch so viel Meinung beinhalten. (…) Ich bin Virologe und würde mich nie zu einem bakteriologischen Thema äußern. Und das ist ja für den normalen Zuschauer fast dasselbe, Viren und Bakterien, für einen Wissenschaftler aber nicht. Es geht sogar viel weiter. Ich würde mich auch nicht trauen, mich innerhalb der Virologie in dieser Breite und in dieser Meinungsstärke zu einem anderen Virus als dem Virus, an dem ich hier arbeite, zu äußern. Man kann die Literatur und die Fachkenntnis in diesem Gebiet nicht kennen, wenn man nicht absoluter Spezialist ist. Das ist der einzige Grund, warum ich als Person überhaupt in der Öffentlichkeit stehe. Nicht weil ich besonders schlau bin oder weil ich besonders gut reden kann oder irgendetwas, sondern weil ich als Spezialist an genau diesen Viren arbeite. Und was ich höre, zum Teil auch von scheinbaren Fachleuten – die sind sicherlich auch Fachleute auf ihrem eigenen Forschungsgebiet oder waren es, während sie noch berufstätig waren – , das entbehrt jeder Grundlage. Das sind Allgemeinplätze, die nicht über eine oberflächliche Kenntnis von Studenten-Lehrbuchwissen hinausgehen. Und mit dieser Wissensbasis posaunt man dann Videos in die Öffentlichkeit und stärkt den gefährlichen Verschwörungstheoretikern, die auch zum Teil politische Agenden haben, den Rücken. Das ist unverantwortlich.

Christian Drosten im Coronavirus-Update des NDR, 40. Folge

Zudem wird auch in dieser Argumentation offensichtlich, dass Meinungen und Gewissheiten zwar vehement vertreten werden, die konkrete Umsetzung der Ideen bleibt aber völlig offen. So entsteht die Illusion eines richtigen, idealen, geradlinigen Weges, auf dem wir den Autoren nur folgen müssten – dabei ist die der Realität angemessene Metapher eine andere: Wir tasten uns vorwärts, Schritt für Schritt. Wir fahren auf Sicht, da, wo wir noch nicht weiter sehen können.

Ob nun „die“ Schweden die besseren Entscheidungen getroffen haben – es wird noch eine ganze Zeit dauern, bis wir darauf eine Antwort gefunden haben. Und sie wird möglicherweise längst nicht so eindeutig sein, wie wir es gerne hätten.

Solange wir noch keine eindeutigen Lösungen haben und mit der Verunsicherung leben müssen, können wir jedoch immer wieder nicht nur die Inhaltsebene betrachten, sondern auch die Beziehungsebene, indem wir uns erlauben, die Wirkung solcher Argumentationen zu spüren und sie auch benennen. Wir könnten die Härte, ja, Herzlosigkeit der Argumentationen, die Kontaktlosigkeit , die Selbstgewissheit, die Unberührbarkeit, die darin liegt, spüren. Und äußern, wie es uns dabei geht. Verschwörungstheoretiker werden wir – wie auch die Leugner der Klimakrise – damit nicht erreichen. Aber Menschen, die an echtem Kontakt interessiert sind, vielleicht schon.